Digitale Demokratiekonferenz 2021

Die Partnerschaft für Demokratie lädt zweimal im Jahr zu einer Demokratiekonferenz ein, um sich mit aktuellen Fragen der Frankfurter Stadtgesellschaft auseinander zu setzen und Ziele für die Zukunft zu entwickeln.

Online-Demokratiekonferenz: Autoritäre Dynamiken – alte Ressentiments, neue Radikalität?

Die erste Demkratiekonferenz 2021 fand am Donnerstag, 6. Mai statt

Christchurch, Halle, Hanau: In der jüngeren Vergangenheit haben rassistische Terroranschläge für Erschütterungen gesorgt. Diese Gewalttaten machen deutlich, wozu rassistische Ressentiments führen können – Ressentiments, die jedoch keineswegs nur in extremen Köpfen und Kreisen vorkommen.

Bei der 11. Demokratiekonferenz der Partnerschaft für Demokratie Frankfurt am Main stand die Auseinandersetzung mit autoritären und menschenfeindlichen Einstellungen der sog. „gesellschaftlichen Mitte“ im Fokus: Wie weit verbreitet sind Ressentiments und menschenfeindliches Denken in der Gesellschaft? Wie hängen unterschiedliche Formen der Diskriminierung zusammen? Wie hat sich die Corona-Krise auf menschenverachtendes Denken ausgewirkt? Und wie kann diskriminierenden Weltanschauungen und Äußerungen im Alltag, in Vereinen, Organisationen und Unternehmen begegnet werden? 

 

Impuslvortrag
Eröffnet wurde die aufgrund der Corona-Pandemie digital stattfindende Konferenz mit einem Vortrag von Dr. Johannes Kiess vom neugegründeten Else-Frenkel-Brunswick Institut für Demokratieforschung an der Universität Leipzig. Dr. Kiess führte ein in die konzeptionellen Hintergründe der Leipziger Autoritarismus-Studien, welche seit 2002 Einstellungsmuster in der Gesellschaft untersucht. Die Studien weisen nach, dass menschenverachtende Einstellungen, autoritäre Aggressionen und Elemente rechtsextremer Ideologien in der Gesellschaft weit verbreitet sind.
Dr. Johannes Kiess verwies in seinem Vortrag auf eine zentrale Lehre aus den Pogromen der 1990er Jahre, welche auch für den gegenwärtigen rechten Terror gelte: Rechte Gewalt beziehe sich in ihrem Handeln auf menschenverachtende Einstellungen in der Mehrheitsgesellschaft: Die Täter*innen sehen sich als Vollstrecker*innen eines vermeintlichen Mehrheitswillens und werden so durch gesellschaftliche Ressentiments in ihrem Handeln bestärkt.
Dr. Kiess zeigte anhand der aktuellen Ergebnisse der Leipziger Studien sowie mit Blick auf die erforschten Entwicklungen der letzten Jahrzehnte auf, dass antidemokratische Einstellungen weder ein Generationen- noch ein Ost- oder Westproblem seien. Keine gesellschaftliche Gruppe monopolisiere diese Phänomene; im Gegenteil: In allen gesellschaftlichen Gruppen seien antidemokratische Einstellungen verbreitet. Dementsprechend sei von einem gesamtgesellschaftlichen Problem zu sprechen.
 
Mit Blick auf die Studienergebnisse sei es zudem nicht überraschend, dass in Zeiten der Corona-Pandemie Verschwörungsmythen verstärkt artikuliert und mobilisiert werden. So sei der Hang zu Verschwörungsmythen in der Gesellschaft ebenfalls weit verbreitet und verankert. Ähnlich wie bei dem Aufkommen von PEGIDA im Zuge des sogenannten langen Sommers der Migration von 2015 stelle sich aus der Perspektive der Sozialforschung die Frage, wann sich diese Potentiale autoritärer Denkweisen artikulieren und virulent werden. Gerade im Kontext der Corona-Pandemie sieht Dr. Kiess die Gefahr, dass Vertrauen in die Politik massiv gestört wurde, insbesondere der jüngeren Generationen. 
Weiter führte er aus, dass den Autoritarismus-Studien zur Folge die moderne Gesellschaft Persönlichkeitsstrukturen (re-)produziere, welche stark verknüpft seien mit autoritären Aggressionen („Strafen wollen“), autoritärer Unterwürfigkeit („Geführt werden wollen“) und Konventionalismus („Nach oben buckeln, nach Unten treten; stets in den Bahnen der Konvention“). Zur Bearbeitung dessen genüge es nicht sich auf Wissensvermittlung und Aufklärung zu verlassen, vielmehr müsste Demokratie erlernt werden sowie die gesellschaftlichen Strukturen hinterfragt werden, welche autoritäre Persönlichkeiten hervorbringen.
 
Der Vortrag von Dr. Johannes Kiess ist hier nachzusehen.
 
Im Anschluss an eine anregende und vertiefende Diskussion mit Dr. Johannes Kiess ging es nach der Mittagspause mit zwei Workshops weiter.

WORKSHOPS

Im Workshop „Rassismus #IstAlltag“ von Nasli Malek von der Beratungsstelle response. Beratung für Betroffene von rechter und rassistischer Gewalt und Azfar Khan von der Koordinierungsstelle Anti-Rassismus der Stadt Frankfurt fand eine vertiefende Auseinandersetzung mit Rassismus statt. Der Fokus lag hier zunächst auf der Funktionswiese von Rassismus sowie seinen Auswirkungen auf Betroffene. Hierbei wurde auch auf sekundäre Viktimisierungen eingegangen. Damit sind Folgeerscheinungen im Zuge von Fehlreaktionen des sozialen Nahraums und/oder gesellschaftlichen Institutionen gemeint. Relativierungen, Unverständnis oder Formen der Täter-Opfer-Umkehr sind häufige Erfahrungen von Betroffenen in Folge des Benennens rassistischer Taten und Handlungen. Ausgehend von der Auseinandersetzung mit der Wichtigkeit einer solidarischen, betroffenensensiblen Reaktion wurden anhand von Fallbeispielen konkrete Handlungsstrategien entwickelt und diskutiert.

Im Workshop „Rituale der Mitte?“ von Christa Kaletsch und Manuel Glittenberg vom Projekt Zusammenleben neugestalten der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik wurde anhand von Beispielen zunächst auf Diskriminierungspotentiale innerhalb staatlicher Verwaltungen hingewiesen und die Notwendigkeit der Erarbeitung von diskriminierungssensiblen Haltungen im Kontext staatlicher Institutionen herausgearbeitet. Nach einer Übung der Selbstreflexion und einer Auseinandersetzung mit rassistischer Bildsprache wurden anhand eines Fallbeispiels Handlungsstrategien entwickelt. Im Beispiel wurden auf einer Plakatwand insgesamt 4 Wahlplakate des Ausländer*innenbeirats abgerissen. Gemeinsam wurden folgende Handlungsoptionen erarbeitet und diskutiert: öffentliche Reaktion des Bürgermeisters, über direkte Gespräche mit den Kandidat*innen des Ausländer*innenbeirats bis hin zu Solidaritätsbekundungen aus der Zivilgesellschaft. Im realen Beispiel sei leider nichts geschehen, was die Teilnehmenden als unzureichend zurückwiesen. 

Zum Abschluss der Konferenz wurden zentrale Erkenntnisse der Workshops im Plenum geteilt bevor Dr. Uta George vom Amt für multikulturelle Angelegenheiten der Stadt Frankfurt im Namen des Organisationsteams den Mitwirkenden und Teilnehmenden dankte und die Schlussworte sprach. 

Die nächste Demokratiekonferenz findet am 18. November statt. 

 

 

PROGRAMM 

10.00 Eröffnung durch die Frankfurter Integrations- und Bildungsdezernentin Sylvia Weber und den Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, Dr. Meron Mendel

10.15 Autoritäre Dynamiken – alte Ressentiments, neue Radikalität? Vortrag von Dr. Johannes Kiess, Universität Siegen 

11.00 Fragen & Diskussion 

12.00 Mittagspause 

13.00 Workshops 

16.00 Gemeinsamer Abschluss 

Workshop I RASSISMUS #ISTALLTAG  

Der Workshop widmet sich folgenden Fragestellungen: Wie wirkt Rassismus im Alltag, auf der Arbeitsstelle, im öffentlichen Raum, auf dem Wohnungsmarkt oder in der Schule? Welche Folgen hat das für Betroffene und welche unterschiedlichen Handlungsstrategien im Umgang damit gibt es? Welche Unterstützungsangebote bieten Beratungsstellen? Welche Rolle kann die neue Koordinierungsstelle Anti-Rassismus der Stadt Frankfurt bei der Bekämpfung von Rassismus jetzt und in Zukunft spielen?  

Referent*innen: Nasli Malek (response. – Beratung für Betroffene rechter und rassistischer Gewalt) und Azfar Khan (Leitung Koordinierungsstelle Anti-Rassismus der Stadt Frankfurt a.M.) 

Workshop II RITUALE DER MITTE?  

Was geht häufig schief, wenn Diskriminierungen thematisiert werden? Wieso werden Betroffenenperspektiven häufig marginalisiert? Welche Rolle kann die Unterscheidung von Absicht und Wirkung bei der Bewertung von diskriminierenden Handlungen spielen? Der Workshop verdeutlicht die Notwendigkeit diskriminierende Einstellungen besprechbar zu machen. Denn die häufig unsichtbar gemachten Perspektiven Betroffener von diskriminierender Gewalt müssen wahr- und ernstgenommen werden. Der Workshop möchte zu Empathie und Solidarität anregen. Referent*innen: Christa Kaletsch und Manuel Glittenberg (Projekt „Zusammenleben neu gestalten“ der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik e.V.)   

10. Demokratiekonferenz: So geht Support – Aug 2020

Digitale Demokratiekonferenz über Unterstützung und Gedenken nach dem rassistischen Anschlag in Hanau

Rassismus und rechter Gewalt muss dringend etwas entgegengesetzt werden – das hat spätestens der Anschlag in Hanau deutlich gemacht. Viele Menschen sehen das so und wollen sich deshalb engagieren. Doch worauf kommt es dabei an? Wie geht überhaupt support? Was wünschen sich Betroffene rechter Gewalt? Und: Wie kann zivilgesellschaftlicher Zusammenhalt noch stärker werden?

In Hanau wurde nach dem rassistischen Anschlag ein breites Netzwerk der Unterstützung aktiv: Betroffene und Angehörige werden beraten und begleitet, Gedenkveranstaltungen organisiert, Erinnerungsräume sowie Orte des Austauschs aufgebaut und antirassistische Forderungen aufgestellt.

Bei der ersten digitalen Demokratiekonferenz sprachen wir mit Unterstützer*innen über ihre Ansätze, ihre Erfahrungen und ihre Forderungen. Expert*innen erläuterten die Hintergründe rechter und rassistischer Gewalt: Welche Rolle spielen Berichterstattung und Sprache? Wie stark ist die extreme Rechte in Hessen organisiert? Gemeinsam diskutierten wir: Wie kann Unterstützung in Frankfurt funktionieren und welche Strategien gibt es gegen rechte Hetze?

Mehrteilige Online-­Konferenz der Partnerschaft für Demokratie Frankfurt – Ein Kooperationsprojekt der Bildungsstätte Anne Frank und des Amts für multikulturelle Angelegenheiten.

9. Demokratiekonferenz - Nov 2019

Über 50 engagierte Menschen aus der Frankfurter Stadtgesellschaft kamen bei der Demokratiekonferenz der Partnerschaft für Demokratie am 11. November im stadtRAUMfrankfurt zusammen um über Brücken und Allianzen zu diskutieren. Neben spannenden Input-Vorträgen und Podiumsgesprächen gab es auch ein Speeddating zwischen den Teilnehmenden. Hierzu wurde uns zurückgemeldet: Solche Möglichkeiten zum Kennenlernen, Austausch und Vernetzen sollte es in Frankfurt öfter geben!

In Kürze wird hier die ausführliche Dokumentation der Demokratiekonferenz  "Brücken und Allianzen" veröffentlicht.

Zu den Audiomitschnitten der Veranstaltung:

8. Demokratiekonferenz - Mai 2019

"Jüdisch-muslimische Allianzen: Illusion oder Realität?" Über dieses Thema haben wir bei unserer Demokratiekonferenz am 27. Mai 2019 mit der Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor und Armin Langer von der Salaam-Shalom-Initiative diskutiert.

5. Demokratiekonferenz - Dez 2017

4. Demokratiekonferenz - Jun 2017

3. Demokratiekonferenz - Dez 2016

2. Demokratiekonferenz - Jul 2016

1. Demokratiekonferenz - Nov 2015